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Quelle: FAZ.net
18. März 2008 Eine Onlinebeichte: „Ich bin 22 Jahre alt und glaube, dass ich pokersüchtig bin.“ Mit diesen Worten beginnt „Nelina“ ihren Hilferuf in einem Internetforum. Sie verspiele Geld, das sie nicht habe.
Nelina wäre kein Einzelfall: Das Bundesgesundheitsministerium schätzt die Zahl der pathologischen Glücksspieler in Deutschland auf 50.000 bis 400.000. Sie können nicht vom Automaten oder Roulettetisch lassen, zocken bei Sportwetten oder beim Kartenspiel im Internet.
Spielsüchtige flüchten oft vor Konflikten oder suchen Spannung. Daher bergen Online-Casinos besondere Risiken: „Man kann rund um die Uhr spielen, und das an mehreren Tischen gleichzeitig“, sagt Gerhard Meyer, Spielsuchtexperte an der Uni Bremen. „Ein Süchtiger will immer im Spiel sein“ - im Internet braucht er keine Langeweile zu fürchten. Außerdem besitzt die hohe Spielfrequenz großes Suchtpotential. Das gilt auch für die Anonymität, die eine soziale Kontrolle schwierig macht. Selbst das Geld fließt per Knopfdruck, kein Schein muss wirklich angefasst werden.
Verharmlosung als Sportereignis
Die Anbieter vermarkten das Glücksspiel als Sportereignis und verharmlosen es damit. Dazu kommen die Legenden um Pokerspieler, die als Nobody große Profiturniere gewinnen. „Solche Vorbilder schüren bei anderen die Hoffnung, den Lebensunterhalt mit dem Pokerspiel finanzieren zu können“, sagt Meyer. Erfolge werden dem eigenen Können zugerechnet, das macht das Erlebnis intensiver. Und nach diesem Gefühlsrausch giert ein Süchtiger.
Quelle: auch hier die FAZ.net
18. März 2008 Deutschland pokert.
Aus dem zaghaften Trend, der vor einigen Jahren aus den Vereinigten Staaten herüberkam, ist ein Boom geworden, so dass die Übertragungen von Pokerturnieren heute zum Fernsehalltag gehören. Auch Prominente und Unternehmen haben das lange verruchte Spiel für sich entdeckt: Der ehemalige Tennisstar Boris Becker macht Werbung für einen Online-Pokeranbieter, der Fußballverein Bayer Leverkusen für einen anderen.
Gespielt wird vor allem im Internet - auf Servern, die in Malta oder Gibraltar stehen, denn hierzulande ist Pokern um Geld illegal. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen geht von 200.000 bis 290.000 Bundesbürgern aus, die im Jahr 2006 in Online-Casinos rund eine Milliarde Euro beim Pokern setzten. Tendenz stark steigend.
Das Gesetz der großen Zahl
Trotz dieser Verbreitung hat Pokern noch immer das Image eines reinen Glücks- und Nervenspiels. Wer gute Karten bekommt und gut blufft, kann es ohne große Anstrengung zu einem Vermögen bringen, so eine gängige Meinung, die von den Anbietern auch gern gepflegt wird, lockt sie doch Kundschaft an ihre virtuellen Tische.
Dabei zeigt schon ein Blick auf die Profis, die tatsächlich vom Pokern leben können, vor allem eines: Ohne Mathematik geht nichts. Das gilt zum Beispiel für Dominik Kofert und Mathias Wahls, zwei der besten deutschen Spieler. Der eine ist ehemaliger Mathematikstudent, der andere Schachgroßmeister. Kofert und Wahls haben ihr strategisches Denken und ihr Wissen um Wahrscheinlichkeiten versilbert.
Denn darum geht es beim Pokern viel mehr als um Glück: Nach dem sogenannten Gesetz der großen Zahl relativiert sich die Verteilung der guten und der schlechten Karten auf Dauer. Wer nur zweimal spielt, mag jeweils zwei Asse bekommen - die beste Startkombination der beliebtesten Pokervariante, „Texas Hold’em“. Wer häufiger spielt, wird jedoch merken, dass dies im Schnitt leider doch nur jedes 221. Mal vorkommt, wie es der Statistik entspricht.
Wer gut blufft, vermeidet den „Showdown“
Die Grundregeln von Texas Hold’em sind einfach: Gespielt wird mit viermal 13 Karten in den Farben Karo, Herz, Kreuz und Pik. Das Ass ist bis auf wenige Ausnahmen am stärksten, die Zwei am schwächsten. Jeder Spieler erhält verdeckt zwei Karten, dann werden zunächst drei Gemeinschaftskarten (der „Flop“) und dann nacheinander zwei weitere Gemeinschaftskarten (der „Turn“ und der „River“) aufgedeckt. Wer am Ende aus den für ihn sichtbaren sieben Karten die höchste Fünferkombination bildet, gewinnt.
Schon vor dem Flop können die Spieler Wetten auf den Spielausgang abschließen - die Einsätze werden vorher festgelegt, sie reichen von einigen Cent bis zu mehreren tausend Dollar (die inoffizielle Pokerwährung). Die Wetten können angenommen oder erhöht werden. Wer nicht mitgeht, scheidet aus. Vor dem Turn, vor dem River und danach wird das Wetten wiederholt. Bleiben bis zum Schluss zwei oder mehr Spieler dabei, kommt es zum „Showdown“: Die Spieler zeigen ihre Handkarten, der mit der höchsten Kombination gewinnt. Häufig ist jedoch vorher Schluss, weil bis auf einen alle aussteigen. Dann müssen die Karten nicht aufgedeckt werden, worin der Mythos des Bluffens begründet liegt: Wer durch hohe Einsätze alle Gegner davon überzeugt, dass er die stärkste Hand hält, kann auch mit schlechten Karten gewinnen - ohne dass jemand davon etwas erfahren muss.
„Royal Flush“ äußerst unwahrscheinlich
Bereits mit den Handkarten fängt das Rechnen an. Schließlich hat jede mögliche Kombination eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, mit oder ohne Ergänzung durch die Gemeinschaftskarten zu gewinnen. Die höchste Endkombination ist der „Royal Flush“- eine Straße, also fünf zusammenhängende Karten in einer Farbe, die zudem noch mit einem Ass endet. Mit welcher Wahrscheinlichkeit man einen Royal Flush bekommt, lässt sich relativ einfach berechnen.
Grundsätzlich gibt es beim Ziehen von 7 aus 52 Karten 133784560 mögliche Kombinationen. Darauf kommt man mit Hilfe folgender Formel: Für die erste Karte gibt es 52 Möglichkeiten, für die zweite 51 (weil ja schon eine gezogen worden ist) für die dritte 50 und so weiter. Für sieben aus 52 Karten gilt also die Multiplikation 52 · 51 · 50 · 49 · 48 · 47 · 46. Sie führt zu der Gesamtzahl von 674274182400 Möglichkeiten. Das ist aber noch nicht alles: Weil die Reihenfolge, in der gezogen wird, keine Rolle spielt, muss die Zahl der Möglichkeiten noch durch die Anzahl der Variationen, in der eine Sequenz der Karten auftreten kann, geteilt werden. Bei sieben Karten lässt sich die sogenannte Fakultät wie folgt berechnen: 7 · 6 · 5 · 4 · 3 · 2 · 1 = 5040.
Im Ergebnis gibt es also 674274182400 geteilt durch 5040, oder eben 133784560 mögliche Kartenkombinationen beim Texas Hold’em. Einen Royal Flush findet man darunter nur 4324Mal (4 · 47 · 46 : 2), also in einem von 31.000 Fällen beziehungsweise mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,003 Prozent.
Wissen um Wahrscheinlichkeiten hilft
Auf ähnliche Weise lassen sich auch die Wahrscheinlichkeiten für die anderen Kombinationen berechnen: Mit dem schwächsten Blatt, mit noch nicht einmal einem Pärchen, steht man theoretisch etwa am Ende jedes sechsten Spiels da. Ein Pärchen erhält man in fast jedem zweiten, einen Drilling in jedem zwanzigsten Spiel.
Das Wissen über solche Wahrscheinlichkeiten ist wichtig für die Wahl der Starthände. Vor allem Anfänger machen den Fehler, dass sie in der Hoffnung auf gute Gemeinschaftskarten oft mit schwachen Handkarten spielen und damit häufig mindestens einen Zwangseinsatz verlieren. Gute Spieler sind wählerisch. In zirka drei von vier Spielen steigen sie vor dem Flop aus.
Natürlich bieten längst Tabellen den Überblick, welche Starthände statistisch am erfolgreichsten sind. Zum Beispiel gewinnen zwei Asse gegen einen einzelnen Gegner in 88 Prozent aller Fälle. Ähnlich stark sind die anderen „Monster“, ein Königs- oder ein Damenpärchen.
Achtung, Suchtgefahr!
Ist der Flop aufgedeckt worden, geht die Rechnerei erst richtig los. Jetzt sieht man, ob sich das anfängliche Wetten gelohnt hat. Glaubt man sich vorne, setzt oder erhöht man, um die anderen zum Aussteigen zu bringen oder dazu, den Topf zu vergrößern. Wähnt man sich hinten, zählt man die fehlenden Karten, welche das eigene Blatt entscheidend verstärken würden.
Ein typisches Beispiel ist die „Gutshot Straight“, eine Straße mit einer Lücke wie Acht, Neun, Bube, Dame. Trifft ein Spieler mit dem Turn oder River eine Zehn, hat er meistens gewonnen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit (die „Odds“) für eine Zehn nicht besonders hoch. Vor dem Turn beträgt sie 4 : 47 (vier Zehnen gibt es, fünf Karten kennt der Spieler bis dahin) oder 1 : 10,8. Der Spieler wird theoretisch etwa jedes elfte Spiel gewinnen. Er sollte überlegen: Wie viel Geld ist im Topf, und wie viel muss ich bezahlen, um dabeizubleiben? Liegen zum Beispiel zehn Dollar im Topf und müsste er zwei weitere Dollar setzen, hätte er „Pot Odds“ von 1 : 5 - ein schlechtes Verhältnis. Ginge er in elf Spielen mit, würde er einmal zwölf Dollar gewinnen, aber zehnmal zwei verlieren. Außerdem ist zu bedenken, dass der Anbieter noch etwa fünf Prozent der Einsätze kassiert. Der Spieler sollte aussteigen. Die Liste der Beispiele ließe sich lange fortführen und verfeinern.
Wichtig sind natürlich auch Konzentration, Nervenstärke und eine gute Beobachtungsgabe (um Bluffs zu erkennen und ab und zu selbst zu bluffen) sowie Übung. Erfolgreiches Pokern setzt Disziplin und harte gedankliche Arbeit voraus. Übrigens ist das Spiel nicht ungefährlich: Wer müde, unausgeglichen, berauscht oder in einem zu hohen Level spielt, kann schnell viel Geld verlieren. Außerdem kann es abhängig machen. Nicht ohne Grund beschäftigen sich die Suchthilfen immer stärker damit
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