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Registriert: Mo 23. Nov 2009, 17:14
Beiträge: 4675

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 02:34 
 
LESEN!!! Ich poste ja nicht mehr viele Artikel. Aber das hier sollte jeder mal zumindest gelesen haben! Der 2. richtig gute Thread den ich bei ps.de gesehen habe.

http://de.pokerstrategy.com/forum/threa ... ost9158829

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BiteMyShinyMetalAss hat geschrieben:
Ich spiele bis ich wieder breakeven bin oder eine neue Paysafekarte brauche...


DerIkeaElch hat geschrieben:
War halt ein Fisch und ich wollte ihn bei Laune halten... :roll: :oops:

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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 03:40 
 
ich kann ihn nicht oeffnen, muesste mich reggen oder so

   
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Registriert: Mi 24. Feb 2010, 13:37
Beiträge: 2313

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:15 
 
verdammt gut geschrieben. Wow...

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„The heroes in poker don't cheat.“ Howard Lederer

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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:18 
 
:( muss ich jetzt zu ps.de gehen oder schiebt mir wer den text zu habe ich gefragt!

   
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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
Beiträge: 463

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:25 
 
Einführung

Hallo Freunde des Kartenspiels.

Für alle, die meinen Votingtread in Zusammenarbeit mit Pokerstrategy.com nicht mitbekommen haben, hier noch einmal die Ausgangslage und Einführung.

Voting
Feedback und Diskussion zum Blog: Spielsucht - Zeiten ändern dich!

Mein Name ist obv, ich bin mittlerweile 26 Jahre alt und lebe glücklich mit Frau und Kind zusammen.
Ich hab lange überlegt, ob ich diesen Blog anonym veröffentlich soll, aber das hätte keine Balls.
Des weiteren ist es mir auch irgendwie egal, was ihr von mir denkt.

In einem etwas anderem Teaser möchte ich euch meine Erfahrungen der letzten Jahre schildern.
Hier geht es nicht um besonders tricky Hände oder Graphen, hier geht es um die Up- und vor allem Downswings im Real-Life. Um Psychologie.
Und größtenteils um Abhängigkeit mit all den damit verbundenen Problemen. Ja, richtig. Ich war spielsüchtig!

In Anlehnung an den Artikel „Glücksspielsucht - Ursachen, Folgen und Auswege“ möchte ich euch in einer Art Tagebuch meine Geschichte erzählen um so den harten Fakten des Artikels Emotionen zu verleihen. Ihr erhaltet einen Einblick in die Gedankengänge eines Süchtigen.
Ihr erfahrt alle positiven sowie negativen Begleiterscheinungen und seid mittendrin in meinem damaligen Gefühlschaos.

Ihr bekommt tiefe Einblicke in die Verhaltensmuster und Denkweisen eines Kranken, denn Sucht und Abhängigkeit ist eine Krankheit und weit entfernt von Willensschwäche oder fehlendem Durchhaltevermögen. In der damaligen Zeit habe ich sehr viel über mich selbst gelernt und mich viel mit meiner Psyche und dem Thema Abhängigkeit auseinandergesetzt. Dieser Prozess von den Anfängen meines Spielens, bis hin zum High-Life, dem Totalabsturz, die Therapie und das neue Leben danach dauerte insgesamt ca. 3 Jahre.

Ich kann mir vorstellen, dass diese Art von Tagebuch den Leser noch mehr anspricht als der reine Text gespickt mit Informationen. In der heutigen Zeit, in der Onlinepoker immer populärer wird, ist es denke ich sehr wichtig, auch negative Auswirkungen und Risiken der ganzen Materie persönlich darzustellen um verantwortungsvolles Spielen zu ermöglichen

Dieses Tagebuch enthält mehrere Etappen und zeigt meinen kompletten Weg auf. Um ein wenig konkreter zu werden, poste ich hier mal eine grobe Gliederung. Diese Themen würde ich anhand meines Werdegangs intensiv aufzeigen.

Wer bin ich?

Erste Kontakte mit Spiel

Bin ich anders als die Anderen?

Wieso gerade ich?

Die Abhängigkeit

Auswirkungen auf das Leben

Langzeitfolgen auf Körper & Psyche

Der lange Weg der Einsicht

Wie geht es weiter? Wege aus der Sucht.

Die Langzeittherapie. Was? Wie? Warum?

Das Leben nach der Sucht - Thema lebenslängliche Abhängigkeit

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Das Leben ist wie eine Suppe, erst verbrennt man sich den Mund, dann haut man voll rein und am Ende gibt man den Löffel ab.

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
Beiträge: 463

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:25 
 
1. Wie alles begann


Eigentlich bin ich ganz normal. Eigentlich. Wer ist das schon. Irgendwie hat doch jeder hier und da eine Macke. Erst das macht den Menschen doch interessant höre ich immer. Völliger Quatsch! Jeder wäre gern perfekt, hätte gern den Traumkörper oder keine finanziellen Sorgen. Wer strebt denn nicht nach Glück, Zufriedenheit und Erfüllung? Ich jedoch war ein besonderer Fall. Zumindest sagte mir dies jeder meiner über 10 behandelten Ärzte und Therapeuten.

Ich möchte immer gewinnen, der Beste sein, die Extase erleben. Dies macht mich zu etwas Besonderem, sagte man mir.
Bullshit! Dies war mein Schicksal, welches mir einen Weg aufzeigte, dem ich niemanden wünsche, der aus vielen Hürden bestand, die ich teilweise erst nach etlichen Versuchen meistern konnte und an denen ich oft beinahe gescheitert wäre. Ich hätte mir das alles gern erspart. Früher wollte ich perfekt, heute einfach normal sein. Stinknormal, mit Ecken und Kanten. Wie gesagt, „Zeiten ändern dich“ (Thx @ Bushido, der irgendwie die selbe Idee wie ich hatte, allerdings etwas später )

Ich kam insgesamt gut klar in meiner Kindheit. Ich spielte Fussball im Verein, hatte Freunde und war einfach ein stinknormaler Junge. Ich machte mein Fachabi, allerdings mehr schlecht als recht. Ich war mittlerweile 20 und wollte auf eigenen Beinen stehen. Mit den Noten hatte ich allerdings keine Chance. Zum ersten Mal in meinem Leben wußte ich nicht wirklich weiter. Niemand traute mir wirklich etwas zu. Ich selbst auch nicht mehr. Zu lang hatte ich alles schleifen lassen. In meiner Freizeit hatte ich viel Spaß, ging in Clubs, fuhr viel zum Fussball schaun in die Stadien usw.. Beruflich und schulisch war ich allerdings planlos, gleichmütig und faul.

Durch einen kleinen angesparten Geldbetrag konnte ich mir meine erste eigene Wohnung leisten. Es war Zeit, meinen Arsch hochzukriegen. Ich wollte erwachsen sein, also ran an die Sache. Den ganzen Hatern, die nie an mich glaubten, vorallem die Lehrer, mal gehörig den Arsch aufreißen. Also entschied ich mich, die 12. Klasse noch einmal auf freiwilliger Basis zu wiederholen. Ich wusste, dass ich etwas im Kopf hab, ich musste es nur abrufen und konsequent arbeiten.

Ich wollte es allen zeigen, vorallem mir selbst. Wenn ich etwas wirklich will, werde ich sehr ehrgeizig. Bislang klappte es nur in meiner Freizeit und in Dingen, die mich wirklich interessierten und mir Spaß machten. Den Hebel galt es nun umzulegen. Ich wurde vom Durchschnittstypen zum Nerd und investierte täglich mind. 2 Stunden in Hausaufgaben und Vorbereitung.
In meiner neuen Klasse lernte ich eine Person kennen, die meinen späteren Weg maßgeblich beeinflusst hatte. Nennen wir ihn Phil. Er wurde zu meinem besten Kumpel und ist das auch heute noch. Er war auch eher so der Nerd, aber trotzdem irgendwie einzigartig, einfach special. Er pokerte im Internet um echtes Geld. Kranke Sache, dachte ich mir. Ich schaute ihm ein paar mal zu, er gewann ein paar bucks. Dies war 2005, am Anfang des großen Booms.

Vom ersten Moment an war ich begeistert. Er verdient Geld, in dem er in einem Kartenspiel im Internet besser ist als andere. Klingt einfach, sah auch so aus. Ich hatte anscheinend wieder ein neue Berufung gefunden. Phil spielte damals NL25 und war schon ganz gut. (Heute hätte er allerdings auf den Micros Probleme. Er hat aber zwischenzeitlich aufgehört und wurde ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann in der Automobilbranche).
Ich wollte das auch. Ab sofort gab es nichts anderes mehr für mich als Poker. Ich schlug im Netz die genauen Regeln nach und machte mir erste Gedanken zum Spiel. In der Schule lief es super, ich war Jahrgangsbester im ersten Halbjahr (yeeha, take this, haters!!) und fand so auch schnell eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Ich hatte es allen gezeigt. Es war ein wichtiger Erfolg für mich. Ich wurde selbstbewusster und glaubte wieder mehr an meine Stärken.

Mit dem Rückenwind der gesicherten Ausbildung lies ich die Schule etwas lockerer angehen und widmete mich mehr dem Poker. Ich saugte alles auf was ich finden konnte. Content war im Netz absolut Mangelware. Mehr als die Regeln fand man meist nicht. Also Learning by Doing und eigene Gedanken machen.

Ich beschäftigte mich 2 Wochen kompl. nur mit Poker. In der Schule analysierte ich Spielsitationen, ging alle möglichen Szenarieren durch. Ich wollte vorbereitet sein. Nur wer vorbereitet ist kann selbstsicher auftreten, dachte ich mir. Ich machte mir Pläne, wie ich das ganze Thema angehen wollte. Ich bin einfach so. Wo andere sofort anfangen Vollgas zu geben muss ich erstmal eine gewisse Zeit darüber philosophieren und die Gesamtsituation analysieren, um hinterher das Maximum herauszuholen. Fast schon „Scoop“-sche Züge, allerdings mit besserem Ergebnis

Erste dann begann ich zu spielen. Ich cashte 1000$ ein und es ging los. NL25, wann immer ich Zeit hatte. Meist direkt nach der Schule, teilweise schwenzte ich. Hey, ich war der Streber, niemand fragte, ob ich wirklich krank sei. Es gab Tage, da spielte ich ohne Pause 8 stunden durch, machte dabei nur für den Toilettengang Pause und rauchte ne ganze Schachtel Kippen. Bedürfnisse wie Hunger kamen bei mir nicht auf. Zu fokussiert war ich auf meine neue Welt, gefangen im Kartenrausch. Anschließend war ich natürlich total fertig und musste mich mind. genau so lange wieder erholen. Irgendwie strange wenn ich heute darüber nachdenke.

Auf jeden Fall war dies eine gute Vorraussetzung für den Start meiner Suchtkarriere...

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
Beiträge: 463

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:25 
 
2. Poker, mehr als nur ein Spiel!


Das Spielen veränderte mich. Die mir sonst so wichtige Schule wurde aufgrund der guten Ausgangslage vernachlässigt, auch für meine anderen Freunde hatte ich keine Zeit mehr. Ich war mind. genau so oft beim Arzt zum gelben Schein abholen wie in der Schule. Ich machte einfach auf psychisch krank, klappte irgendwie immer.

In den ersten 4 Wochen crushte ich NL25, ähnlich lief es auf NL50 und ich gewann um die 1000$. Und dabei spielte ich garnicht viele Hände. Vom Multitabling war ich noch weit entfernt. Ich war auf Wolke 7. Natürlich faszinierte mich das Geld, viel mehr aber die Anerkennung oder generell der Erfolg. Ich tat etwas, bei dem ich wußte, dass ich es gut mache, deutlich besser als viele der Anderen.

Meine Erfolgssträhne setzte sich wohl fort, dachte ich. Vom unauffälligen Durchschnittstypen in der Schule zum Jahrgangsbesten und nun auch noch im Poker, bei dem es um echtes Geld ging, sehr erfolgreich. Mein Wandel gefiel mir. Ich fühlte mich super und bestärkt in meinem Weg. Ich stand auf eigenen Beinen, war mein eigener Herr und einfach nur zufrieden.

Meine Freizeit verbrachte ich ein wenig bei Phil oder zuhause vor dem Rechner. Andere soziale Kontakte wurden einfach abgebrochen. Dies fiel mir allerdings nicht einmal auf, so gefangen war ich in meiner neuen Welt. Das ist ein grundlegendes Problem bei Süchtigen. Die Abhängigkeit kommt schleichend, dieser Prozess kann sehr lange dauern und fällt dem Betroffenen daher absolut nicht auf. Auf Hinweise von Außen reagierte ich auch erst garnicht. Ich machte doch alles richtig, oder? Das Geld und die Noten sprachen für sich.

Wenn ich heute zurückdenke, würde ich nicht sagen, dass ich damals schon abhängig gewesen bin, dafür gehört einfach viel mehr dazu, wozu ich in späteren Blogeinträgen noch genau darauf eingehe. Trotzdem waren die ganzen Umstände natürlich alarmierend. Mein Leben änderte sich schlagartig und ich erfüllte schon ein paar der von Ärzten entwickelten Kriterien einer Abhängigkeit. Aber wie gesagt, dazu irgendwann später noch mehr.

Auch bei Phil machten wir eigentlich nichts anderes als pokern. Ich schaute ihm etwas über die Schulter und half ihm hier und da, so dass er mittlerweile auch NL25 crushte. Am Wochenende feierten wir von nun an immer bei ihm in seiner Bude. Dies war wohl die einzige Zeit, in der es eher nicht um Poker ging und ich komplett abschalten konnte. Das lag wohl eher daran, dass ich im Laufe des abends immer strammer wurde und irgendwann morgens um 5 total dicht bei ihm auf der Couch eingepennt bin. Ich gab mein altes Leben einfach so auf. Jetzt reichte mir es auf einmal, bei Phil auf der Couch selbstgemixte Cocktails zu trinken und zu chillen. Zu gut hab ich mich gefühlt. Das lag vor allem am Erfolg, den ich gleich im ersten Monat hatte. Hier hätten wohl meine Alarmglocken angehen sollen. Geblendet vom Geld und Erfolg war das natürlich nicht der Fall.

Ich widmete mich weiter viel der Theorie und hatte damit klar einen Wissensvorsprung gegenüber den üblichen Spielern. Wobei es 2005 eh sehr braindead war, auch zu sehen in dem Video. Und das war bereits 2007, ihr könnt euch also vorstellen wie es 2 Jahre vorher zuging. Ich stieg weiter schnell auf und war nach knapp 3 Monaten auf NL200. Meine Roll wuchs in der Zeit auf ca. 5000$. Im 4. Monat, in dem ich zum ersten mal nur noch NL200 spielte, erwischte ich einen guten Upswing und machte allein in dem Monat nochmals 5000$.

Seriuosly, ich musste erstmal klar kommen. Was war nur geschehen? Von einen auf den anderen Tag änderte sich mein Leben schlagartig. Ich machte mir keine Gedanken dazu, ich genoss es einfach. Aufeinmal hatte ich Geld, yeeeha. Vorher hatte Geld nie eine große Bedeutung in meinem Leben. Ich hatte genug zum Überleben und für hier und da ein wenig Luxus, mehr aber auch nicht. Nun wurde es irgendwie zum wichtigen Bestandteil. Ich musste mir finanziell erstmal keine Sorgen mehr machen. Dieses Gefühl war unendlich geil. Es machte mich süchtig. Nicht Poker machte mich süchtig, nein, das Geld tat es und die Gefühle, die ausreichendes Geld bei mir auslösten. Kein Spielsüchtiger ist wirklich abhängig von dem Spiel, das er spielt. Man ist abhängig von dem Rausch, den Glücksgefühlen, dem Erfolg und natürlich dem Geld.

Spaß machte mir das Spiel bereits keinen mehr. Das musste es aber auch nicht. Ich sah pokern mittlerweile als Arbeit an und Arbeit macht wohl in den seltensten Fällen richtig Spaß. Die Schule beendete ich mit einem guten 2er Abschluss, bis auf Sport sackte ich in jedem Fach 1 Note ab. Es war mir sowas von egal... Ich cashte erstmals 2000$ aus gönnte mir ein paar Sachen. Kleidung, Wohnungseinrichtung usw. Der Rest der Roll wurde weiter für NL200 verwendet. Die Ausbildung begann bald, es wurde Zeit sich wieder mehr auf andere Dinge als Poker zu fokussieren.

Die Sucht nahm ihren Lauf. Und dieser Lauf suckt!

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
Beiträge: 463

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:25 
 
3. Das geilste Jahr meines Lebens


In den Sommerferien vor der Ausbildung gab ich nochmal alles. Mein Tag bestand eigentlich nur aus Poker, Treffen oder ICQ mit Phil, hier und da ein bisschen Theorie wenn man das denn so nennen konnte und ein paar unwesentlichen Dingen wie Einkaufen oder die Tür aufmachen für den China- oder Pizzamann. Wo andere Leute an den See fuhren oder abends in Clubs gingen, saßen wir zusammen vor unseren Rechnern (hvdr) und verdienten Geld. Das Leben kann ganz schön hart sein

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, es längerfristig und hauptsächlich mit Poker zu versuchen. Spielte ich vorher maximal 15.000 Hände NL200 / Monat, so waren es nun mind. 50.000 Hände. Ich erhöhte die Tischanzahl von 4 auf 8 und spielte zudem natürlich deutlich mehr. Vorher schlug ich das Limit mit ca. 7bb/100, im Fultimejob waren es nun noch 5. Trotzdem natürlich eine deutliche Steigerung des Profits. Der Gedanke, dies erst mal für einen längeren Zeitraum so durchzuziehen ging aber eher Richtung Hirngespinst. Mir war schon klar, dass ich eine abgeschlossene Ausbildung brauche. Zudem holte Phil mich des öfteren immer mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sonst wäre ich wohl schon deutlich eher abgehoben. Ich war aber auch so relativ zufrieden mit dem Gedanken, bald wieder zweigleisig zu fahren und nebenbei mal eben das 5-fache von meiner Ausbildungsvergütung zu verdienen. Klar blieb der große Traum weiter bestehen, aber dafür hatte ich ja später immer noch Zeit.

Das Geld veränderte mich. Das tut es wohl bei nahezu jedem, auch wenn sich viele das nicht eingestehen. Man merkt es einfach an Kleinigkeiten. Ich wurde unendlich faul, bestellte mir z. B. mehr Essen als das ich selbst kochte oder stieg von billigen Zigaretten auf die teuren Marken um. Ich kaufte mir vermehrt Markenkleidung, ich fuhr weniger mit dem Fahrrad und viel mehr mit dem Taxi. Aber auch als Mensch veränderte ich mich. Ich wurde durch den Erfolg und das Geld selbstbewusster und ich musste es nicht mehr jedem Recht machen. Etwas Positives sollte das Ganze ja nun auch haben.

Die Ausbildung begann. Die Firma war ganz in Ordnung, die Schule gar nicht. Ihr kennt sicherlich diese einsamen Nerds, die mit ihrem einzigen Freund in der Schule alleine auf dem Schulhof stehen und über WOW diskutieren. Diese bildeten den Großteil meiner Klasse. Neben WOW waren dann noch Spongebob und Anime ein großes Thema in der Klasse. Seriuos Nerdamentz. Der Rest waren reiche Kinder, die hin und wieder Papi`s A6 ausführen durften und jeden Tag obergestylt zur Schule kamen. Dazwischen gab es dann noch ein paar normale Leute, die aber deutlich die Randgruppe bildeten. Das positive an der Schule war der Blockunterricht. 8 Wochen nur Schule bis 13 Uhr, danach direkt nach Hause und den Rechner anmachen. Diese Zeit galt es zu nutzen.

Ich nahm mir vor, die Ausbildung nicht zu vernachlässigen. Wenn ich wollte, würde ich es locker mit einem 1er Schnitt packen. Das war allerdings nicht mit dem Pokerjob vereinbar. Also entschied ich mich für einen Kompromiss. Ab sofort wollte ich 50% meiner Freizeit mit Poker verbringen, die anderen 50% mit Lernen für die Ausbildung. So vergingen die ersten Monate und bald war das erste Lehrjahr passé. Die Noten waren ordentlich und auch im Poker kam ich immer weiter voran. Ich war weiterhin NL200 Regular mit guten Winnings und konnte super davon leben. Bislang hatte ich komischerweise nie das Bedürfnis, weiter upzumoven. Zu gut lief es auf meinem Stammlimit, zu leicht war das Geld dort verdient und zu viel musste ich nebenbei für die Schule und Arbeit erledigen.

In dem Jahr ist eigentlich nichts spannendes passiert. Ich hielt mich größtenteils an meine eigenen Vorgaben und verbrachte wie immer die meiste Zeit zuhause oder bei Phil. Auch wenn sich das Jahr niedergeschrieben sehr langweilig anhört, es war sowohl pokertechnisch als auch von den Erfahrungen das beste meines Lebens. 1,5 Jahre nach dem Start betrugen meine Winnings ca. 75.000$. Geldsorgen gab es definitiv nicht mehr. Wir hatten einfach Spaß am Leben, Spaß am Geld und Erfolg. Phil kam auch immer besser zurecht und schlug mittlerweile NL100. Wir gammelten eigentlich immer nur rum, aber es war genau das, was uns glücklich machte.

Alle paar Monate mieteten wir uns einen schicken Wagen. Erstmal Papi`s reiche Söhne in der Schule ärgern. Die schauten alle nicht schlecht und waren doch schon leicht neidisch auf „meinen“ S6, R8 usw.. Damit unternahmen wir dann auch immer versch. Kurztrips. Wir waren des öfteren in München zum Fußball, an der Nordsee, in Schweden, in Mailand, London usw.. Meist für ein Wochenende, etwas anderes von der Welt sehen, sich einfach belohnen für die „harte“ Arbeit. Es waren die kleinen Freuden, die mir mein eigentlich tristes Leben lebenswert machten und Kummer gar nicht erst aufkommen ließen.

Gierig vom Geld getrieben und auch ein bisschen durch den teureren Lifestyle gezwungen movte ich mit mehr als ausreichender Bankroll nach 1,5 Jahren hoch auf NL400. Bislang gab es nur eine Richtung. Up. Dies sollte sich nun ändern. Hier begann meine perfekte Welt langsam zu bröckeln. Ich wurde spielsüchtig.

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
Beiträge: 463

Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:26 
 
4. Die erste Millionen


Es war an der Zeit, meinen großen Traum weiter zu verwirklichen. Das große Geld. Insgeheim dachte ich öfter darüber nach. Schnellstmöglich 1 Millionen machen, anlegen und das Geld für einen arbeiten lasse. Selfmade Millionär! Die übliche Story, die man oft hört und die dadurch schon leicht abgedroschen klingt. Ich ging voll auf in meinem neuen Plan. Um die erste Millionen zu sichern cashte ich in der Regel monatlich immer nur das Rakeback aus. Es war jetzt nicht super viel, reichte aber neben der Ausbildungsvergütung locker für ein cooles Leben und ich hatte deutlich mehr Geld als Leute in meiner Situation. Selten benutzte ich dann auch mal einen Teil der Winnings, falls ein Wochenendtrip anstand oder ich sonst irgendwas brauchte. Normalerweise „sparte“ ich aber.

Nun sollte es also losgehen. NL400, ich komme. Gleich in der 1. Session gab´s nur auf die Mütze. Es lief nichts, alle hitteten und ich traf nichts. Einfach nichts. Der erste richtige Downswing meiner Pokerkarriere. Vorher lief es immer super. Ich beendete jeden Monat mit Gewinn. Klar gab es mal Sessions, in denen es nicht so lief und ich einen Verlust hinnehmen musste, auf den ganzen Monat gesehen fuhr ich allerdings immer gute Beträge ein. Ich beendete die Session mit 4000$ Verlust, einfach so, weg. Das waren 20 Stacks meines Stammlimits und bewegte sich im Bereich eines Monatsgewinns. Zum ersten mal war ich auf „scared money“. Das alles fing an mich zu belasten. Ich konnte es einfach nicht glauben. Wie soll das denn klar gehen, wenn ich mal eben an einem Tag meinen Monatsgewinn verliere. Mein Traumseifenblase bekam erste Dellen. Ich zweifelte alles an. Meinen Skill, meinen Traum, mein ganzes Leben...

Ich war ehrgeizig genug, das nicht auf mich ruhen zu lassen. Ich gönnte mir 1 Tag Pause, es war der langweiligste Tag seit langem. Mir fiel wieder auf, wie unspektakulär mein Leben eigentlich ist. Also erst mal irgendwas machen, aber was? Etwas exklusives wollte ich mir nicht leisten, zu geschockt war ich noch über den herben Geldverlust. Für Schulsachen hatte ich absolut keinen Nerv. Zudem war gerade ein 8-wöchiger Arbeitsblock angesagt. Auch auf Phil hatte ich keine Lust. Ich hatte nur keine anderen Freunde mehr. Und auch keine andere Beschäftigung. Mein ganzes Leben bestand nur aus Poker. Ich machte mir Gedanken, hatte schon leichte Ausdrücke von depressivem Verhalten. Was tut man, wenn man eigentlich nichts mehr hat bis auf Poker? Wenn Poker einen Großteil der Freizeit ausfüllt? Wenn nur das Geld oder der Erfolg einen glücklich macht? Ich wusste es nicht.

Mir war das alles gerade zu viel. Ich tiltete, aber hauptsächlich nicht wegen dem Geld oder den Misserfolg, viel mehr über mein trauriges Leben. Kann doch nicht sein, dass ich plötzlich so depressiv werde, nur weil es mal nicht läuft, dachte ich mir. Ich war immerhin immer noch in der glücklichen Situation, deutlich mehr Geld als viele meiner Klassenkameraden zu besitzen. Und das, auf eine grundsätzlich einfache Art. Ich unterschätzte das Poker Business allerdings. Körperlich war es kein Ding, ich spielte am Wochenende locker 10 Stunden durchgehend mit kleineren Pausen. Den psychischen Aspekt hatte ich falsch beurteilt. Damit hatte ich mich vorher nie beschäftigt, warum auch? Ich war gesund, also gab es keinen Grund dafür. Auch jetzt wollte ich das Thema einfach abweisen, weit weg schieben. Das gelang mir auch. Scheiss doch drauf.

Ich lenkte mich ab mit Fernsehen und Schlaf. Nächsten Tag war wieder Arbeit angesagt, eine willkommene Ablenkung. Aber auch dort kreisten meine Gedanken immer über die Session. Mir ging es wieder deutlich besser, ich wollte zurück an die Tische. Es kribbelte in meinen Fingern, ich konnte mich fast gar nicht konzentrieren. Unter dem Vorwand einer Magenverstimmung ging ich bereits während der Mittagspause nach Hause. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, schon gar nicht bis heute Abend. Die guten Vorsätze waren total ausgeblendet. In der Freizeit 50/50? Leck mich! Ich musste das jetzt gerade biegen.

Ich merkte, wie die Welt des Spielens mich fesselte. Es gab einfach nichts anderes mehr in meinem Leben, also wieder auf meine eigentliche Aufgabe konzentrieren. Top motiviert fuhr ich meinen Rechner hoch. Dabei die üblichen Rituale. Getränk holen, Kippe innen Mund, Aschenbecher ran, im Realplayer leise meine Chill-Out-Music anmachen und ab geht’s. Die Session verlief super. Ich hatte beinahe alles Looses gechast. Alles cool. Mein Traum war wieder da. Also doch nur eine kurzzeitige Abschweifung. So aussichtslos die Situation nach der letzten Session aussah, so geil fühlte ich mich jetzt.

Poker bestimmte nun auch meine Laune im real life maßgeblich. Ich war bestärkt in meiner Vorgehensweise. Erstmal ab zum Arzt, gelben Schein holen, wie ich es früher in der Zeit vor der Ausbildung immer machte. Dort klappte es ja, wieso nicht jetzt auch. Ich gaukelte mir vor, ich müsste 100% Poker in meiner Freizeit durchziehen, um erfolgreich zu bleiben. Die Ausbildung packte ich auch so. Und wer schaut schon auf mein Abschlusszeugnis, wenn ich mit 25 die erste Millionen hab.

Ich wollte die Varianz eindämmen. Mir war nun bewusst, wie dünn die Grenze zwischen Gewinn und Verlust, zwischen „Ich liebe mein Leben“ und „Warum tue ich mir das noch an“ war. Ich wollte mir ein „zweites Standbein aufbauen“. Andere Spiele beherrschte ich gar nicht oder nicht gut genug. Hier fehlte mir auch die Motivation erneut ein Spiel von Beginn an zu perfektionieren. Ich wollte schnelles Geld, keine langwierigen Einarbeitungsphasen. Und was eignet sich besser dafür als Sportwetten.
Als langjähriger Bayern Fan (go, go, go, go, go haters, it´s your birthday) hatte ich schon ordentlich Ahnung. Welcher Fußballfan bestreitet denn seine eigene Ahnung vom Fußball? Jeder ist doch kompetenter als der Nationaltrainer.

Mit meinem neuen Businessplan wollte ich voll durchstarten...

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:26 
 
5. Abhängigkeit


Durch die Sportwetten erlebte ich zum ersten mal wieder einen richtigen Kick. Es war etwas neues, Poker war langsam business as usual. Die Herangehensweise war dieselbe wie beim Poker, wenn auch bei weitem nicht so intensiv. Erstmal ein Überblick verschaffen, einen Plan entwickeln. Zu lang wollte ich mich ja nicht an Dingen aufhalten, die keinen direkten Ertrag brachten. Ich studierte kurz die verschiedenen Quoten und schaute mich auf der entsprechenden Seite um. Welche Sportarten? Auch Live Wetten? Viele verschiedene Gedanken mussten kurz ausgeführt werden.

Dann konnte es auch schon losgehen. Es war einfach ein geiles Gefühl wenn meine Kombi Wette durch ein Tor in der 90. Minute doch noch aufging. Wenn Makaay mir meine 200€ verdreifachte. Schnell steigerte ich meine Wetteinsätze bis auf 1000€. Ein richtiges BRM hatte ich nie, viel mehr spielte ich einfach nach Gefühl, natürlich ohne zu hohe Risiken eingehen zu müssen. Richtig super lief es nie. Im Poker machte ich immer noch deutlich mehr Gewinne. Trotzdem wurde es als gelungene Abwechslung ein zweites Standbein, welches zumindest einen kleinen Betrag abwarf.

Im Poker versuchte ich mich weiter an NL400. Ich reduzierte erst mal die Tische um mehr Sicherheit zu bekommen. Dazu überdache ich jede Entscheidung mehrmals, ich spielte einfach genau mein Spiel mit simplen Abweichungen wie ich es auch auf NL200 tat. Und es klappte. Solange ich nicht im totalen Downswing steckte, war ich auch auf dem Limit erfolgreich. Es war zwar schon ein Skillanstieg zu merken, dieser war auch deutlich größer als die Sprünge auf den vorherigen Limits, trotzdem natürlich deutlich schlagbar. Heute würde ich es mit dem Sprung von NL25 auf NL50 vergleichen. Deutlich aggressiver, mehr tricky Sports, einfach mehr thinking Poker. Braindeads mit abc-Poker kommen dort nicht mehr weiter. Solche fand man aber auch noch zu genüge dort.

Wenn es mal nicht so super lief oder ich einfach keine Lust hatte beschäftigte ich mich einfach mit Sportwetten. Ich hatte zum Glück wieder eine andere Beschäftigung gefunden, ohne gleich erneut in ein vordepressives Verhalten zu verfallen. Das gab mir eine gewisse Sicherheit und schützte meine Seele. Richtig Gedanken hatte ich mir zu der Zeit eh nicht über Themen wie Depressionen machen wollen. Zu voreingenommen war ich von dem Thema, zu viel Respekt und Angst hatte ich davor, Schutz durch Verdrängen. Dies ging leider nur eine Zeit lang gut. Mehr dazu und allgemein zum Thema Depressionen sowie andere psychischen Erkrankungen in späteren Blogeinträgen.

Ich verfolgte weiter den Millionärs Plan. Erstmal galt es eine Samplesize auf NL400 zu ergrinden. Es war das erste Limit, welches ich nicht mit Leichtigkeit crushte. Aus 5bb/100 auf NL200 wurden 3,5/100 auf NL400. Zusammen mit dem Rakeback steigerte ich aber erneut meinen Ertrag. Meine Welt war in Ordnung, zumindest die Pokerwelt. Ausbildungstechnisch beharrte ich auf meinem Standpunkt. Ich lies es einfach sehr locker angehen. In der Praxis im Betrieb hatte ich keine Probleme. Dort war alles relativ easy wenn man sich nicht wie der letzte Vollhonk anstellte. Das gelang mir die meiste Zeit. Im schulischen Teil wurde es schon schwieriger. Für die Klausuren lernte ich nicht mehr und fuhr damit auch noch zufriedenstellend. Ausreichend ist ok, ok ist gut, gut ist 2

Mit dem neuen Reichtum als NL400 Regular gönnte ich mir immer öfter teuren Kram. Klamotten von Hilfiger, eine teure Uhr oder ein neues Handy. Ich prahlte nie damit, meine Mitschüler wussten mich aber nicht richtig einzuschätzen. Wenn ich wollte, war ich in der Gruppe der Klassenbesten. Ich wollte aber schon lange nicht mehr. Es gab Tage, da schaute ich dem Lehrer nicht einmal ins Gesicht. Ich widmete mich nur meinem vor mir liegendem Zettel, auf dem ich banale Pokertheorien oder meinen „Money Plan“niederschrieb. Mein Lifestyle warf Fragen auf. Ich hatte keine reichen Eltern, ich war kein Snob und ich hatte keinen gut bezahlten Nebenjob. Trotzdem hatte ich anscheinend ein bisschen Geld auf der Kante, was mich noch mehr zum Außenseiter machte, als ich es als „Normalo“ eh schon war. Ich lachte darüber. Wie egal es mir war, dass die WOW Nerds nicht meine Freunde sein wollten.

Das Geld veränderte mich natürlich immer mehr. Phil sagte mir das. Ich selbst merkte das nicht. Laut ihm wurde ich arroganter. Ich nahm es als gelassener war. Was interressiert mich denn das Gelaber der Nerds oder Snobs? Jeder ist seines Glückes Schmied. So denke ich auch heute noch. Mich interessiert es einfach nicht, was andere über mich denken. Man kann es auch nicht jeden recht machen. Selbst wenn ich dann als arrogant abgestempelt werde. Auf der anderen Seite bin ich sehr sozial. Nach einigen verschiedenen Berufsfeldern arbeite ich heute im kaufm. Bereich einer sozialen Einrichtung, dort lernt man so etwas sehr schnell. Ich freue mich, wenn ich anderen Menschen helfen kann. Genau so wie ich die mir angebotene Hilfe gern wahrgenommen habe.

Zurück zum Poker. Ich hatte die 100.000$ Bankroll-Marke geknackt. Es war der Wendepunkt meiner Geschichte. Soviel Euphorie hatte ich noch nie verspürt. Ein unglaubliches Gefühl. Das musste gefeiert werden. Phil und ich gingen zum Getränkemarkt, ich kaufe Spirituosen für über 400€. Einfach alles, was es gab. Wir brauchten eine Minibar. Mein Bezug zum Geld verschob sich. Wo Phil noch relativ klar war und meinte, dass es ein paar Flaschen auch tun, musste ich jede Flasche haben. Spielsüchtige denken immer in Superlativen, es gibt nur alles oder nichts. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits spielsüchtig, mein Leben bestand nur aus Poker, Wetten, dem nächsten Kick und natürlich Geld. Es dauerte allerdings noch eine lange Zeit, bis ich das selbst begriff.

Dafür musste ich erst einmal alles verlieren und ganz unten ankommen.

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:27 
 
6. Bewegungslos


Der Abend der 100k-Party war sehr berauschend. Super viel Alkohol vertrage ich eh nicht, also hielten die Unmengen an Alkohol mehrere Monate. Teilweise verschenkte ich sogar Flaschen. Ziemlich besoffen pennte ich vor dem Rechner ein. Phil war irgendwann nach Hause gegangen, das hatte ich bereits garnicht mehr gemerkt. Generell war er in der Zeit öfter bei mir als ich bei ihm. Hätte er nicht vorbeigeschaut, wäre ich wohl total vereinsamt. Zu faul war ich, die 2km zu ihm zu laufen. Und wenn ich dann doch mal hin wollte, nahm ich immer ein Taxi.

Der zweite Downswing kam. Ich setzte mir ein Stop-Loss-Limit von 10 Stacks, 4000$. Ich hörte einfach direkt auf, ich war zwar mega angepisst aber es klappte. An drei aufeinanderfolgenden Tagen musste ich nach kurzer Zeit quitten. Psychisch war ich schon so labil, dass mir das alles ziemlich zusetzte. Ich war richtig depressiv, warf meine Maus an die Wand, nahm die Tastatur und schlug damit auch meinen TFT kaputt. Ich zweifelte wieder alles an. Ich übertrug meine Aggressionen zu 100% ins real-life. Alles und jeder konnte mich mal, ausser Phil natürlich. Wobei ich ihm gegenüber auch schon sehr gereizt war, er konnte mich aber immer gut runterholen. Trotzdem streiteten wir uns auch immer öfter. Erstmal mussten wir in den Elektromarkt, scheiss doch drauf, dass Amazon 20 % günstiger ist. Ich kaufte mir 3 Mäuse, 3 Tastaturen, einen 32“ und zwei 24“ TFT´s.. Natürlich nur das Beste. Ich brauchte eigentlich nur den großen Monitor und einen kleinen. Der andere lenkte mich eigentlich nur ab, daher war dieser beim Poker auch immer aus und auch sonst war er eigentlich immer ausgeschaltet. Die zusätzlichen Mäuse und Keyboards waren Tilt-Ersatz-Hardware.

Ich kaufte mir nun also schon Sachen, die eigentlich unsinnig sind, die ich nicht einmal brauchte. Es gab immer mehr Anzeichen für eine Abhängigkeit. Geld ausgeben machte mich glücklich. Wobei glücklich das falsche Wort ist. Eigentlich unterdrückte es wieder nur für einen kurzen Zeitraum meine depressive Verstimmung. Ich tat es immer öfter, sparen war out. Die erste Millionen bekam ich schon noch früh genug. Ich musste mich belohnen, für meinen Einsatz, für die ganzen Strapazen, vorallem für das psychische Kopfgeficke.

Ich beschloss, dass die Tische erstmal eine Weile ohne mich auskommen mussten. Bereits am letzten der drei aufeinanderfolgenden Stopp-Loss-Tage wollte ich meine Looses chasen und überschritt damit meine eigene Stop-Vorgabe. Ich scheiterte erneut. So eine Niederlage wollte ich mir nicht nochmal geben. Sie tat weh. Ich hasse verlieren. Ich kann es nicht. Das ist auch heute noch so. Mit meiner Freundin spiele ich nicht, nicht mal Karten. Zu enttäuscht bin ich, wenn ich verliere. Und aus Enttäuschung wird Wut. Aus Wut Streit. Absichtlich verlieren, z. B. Gegen meinen kleinen Neffen ist kein Problem. Da weiß ich es ja auch vorher schon. Aber wehe, es entsteht ein Wettkampf. Ich fühle mich dann einfach als Verlierer, sehe nur noch das Schlechte in mir. Ich nahm das Spiel persönlich, fühlte mich angegriffen. Fick dich Poker, dreckiger Bastard! Es war schon lange kein Spiel mehr. Es war mein Leben, meine Möglichkeit zum großen Geld. Poker war Freund und Feind zugleich. Langsam wurde es mir klar, ans Aufhören dachte ich trotzdem nicht. Zu geil waren die schönen Zeiten, wenn es lief und das Geld mir nur so zufloss. Das machte einige negativen Aspekte locker wett. Zu Groß war die innere Sicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es bald wieder besser laufen wird und ich meinen Traum straight forward weiterleben konnte.

In der Pause waren natürlich wieder Sportwetten angesagt. Die Bundesliga hatte Sommerpause, besten Dank auch. Suchend nach dem Kick fokussierte ich mich auf die russische Liga. Die meisten Vereine kannte ich nur beiläufig. Seit geraumer Zeit setzte ich mir ein Kontingent von max. 10.000€ pro Wetttag. Soweit war es schon gekommen. Heute schockiert mich das. 10.000€!! Dafür arbeiten manche Leute ein halbes Jahr. Und ich setzte das an einem Tag mal eben auf Sportteams. Das ist doch krank. Eine krankhafte Suche nach dem Kick. Damals war es für mich normal, so verschoben war meine Welt schon, mein Empfinden vom Wert des Geldes. Entweder setzte ich verteilt auf 3 große Spiele oder ich platzierte bis zu 10 kleine Wetten. Ich schaute mir kurz die russische Tabelle an und riskierte ein Großteil meines Einsatzes bei 5 Wetten. Dazu noch ein bisschen Basketball und Handball und let´s roll, die 10k waren untergebracht. Bis auf eine erfolgreiche Wette verlor ich überall. Danke St. Petersburg! Ich ragte durch meine Wohnung, ich schrie meine Wut herau, ich musste einfach wieder etwas zerstören. Keine Ahnung wieso, aber danach ging es mir besser. Mein TV musste dran glauben. Bis auf Bundesliga schaute ich eh nie.

Dies war der erste Moment, in dem es mir wirklich schlecht ging. Sehr schlecht. Vorher hatte ich auch schon des öfteren einen Down aber dieses mal war es anders. Ich verkraftete den großen finanziellen Verlust absolut nicht. Ausgepowert lag ich auf meinem Bett, bewegungslos, starte einfach nur in die Luft. Ich fragte mich, warum ich mir das alles noch antue. Es gab nur noch Up oder Down, kein Zwischending mehr. Ich sehnte mich nach Normalität. Zum erstem mal seit dem Start dachte ich über´s Quitten nach. Was würde passieren? Wie fülle ich die Leere? Ich hatte noch eine ausreichend große Bankroll, ich könnte mir einige schöne Dinge leisten und mich wieder mehr auf mein richtiges Leben konzentrieren. Es klang alles sehr einfach, dass war es leider nicht. Wie jeder Süchtige überschätzte ich mich. Klar kann ich morgen aufhören, wieso auch nicht. Noch wollte ich das aber nicht, zu viel Geld gab es noch zu gewinnen.

Phil kam vorbei. Ich erkannte es wie immer am Klingelzeichen. Kurz, lang, kurz. Wenn es anders klingelte, machte ich schon garnicht mehr auf, ausgenommen die Lieferdienste. Er sah die Verwüstung. Ich hatte keine Kraft, aufzuräumen. Anfangs belächelte er es immer noch und bevor er mich richtig begrüßte sagte er: „Ok, fahren wir halt zum Elektromarkt“. Dieses mal tat er das nicht mehr. Er merkte, dass ich ernsthafte Probleme hatte. Darüber reden konnten wir aber auch nicht wirklich, auch wenn ich ihm vertraute. Wem fällt es schon leicht, seine Probleme offen zu legen. Er fragte nur, „wieviel?“ 7.000€ bei Sportwetten. „Und darum machst du so eine Action?“ Dazu 15.000$ Poker die letzten 3 Tage. Er war geschockt. Die Dimensionen waren ihm nicht bewusst. Er wusste, dass ich mittlerweile sehr erfolgreich auf NL400 war und damit gut Geld verdient, er fragte aber nie wirklich wieviel. Dazu spielten wir nicht mehr gemeinsam. Er hatte alle Hände voll zu tun im real life, ich pokert nur noch alleine wo ich mich 100% konzentrieren konnte. Es interessierte ihn auch nicht wirklich. Er reduzierte mich nicht nur auf´s Geld, er war ein echter Freund. Irgendetwas mussten er tun, er wollte mir helfen. Aber ich lies ihn nicht an mich ran. Ich wollte keine Hilfe,es reichte schon wenn er da war und wir ein bisschen gechillt haben, abschalten ohne Poker und den ganzen Kram. Sich mit jemandem „normalen“ abgeben, generell einfach Kontakt zur Außenwelt zu haben tat mir sehr gut.

Mit einem neuen Fernseher ausgestattet ging es bald wieder an die Tische. Zu groß war die Anziehungskraft der Dollar.
Kein Poker, kein Leben. Kein Geld, keine Freude.

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Straight Ace-High

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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:27 
 
7. Auf in den Krieg!


Die Sommerferien standen an. Ich hatte 3 Wochen Urlaub. Daraus wurden allerdings insgesamt 7 Wochen, da ich vorher schon 1 Monat lang „krank“ war. Ich verbrachte mittlerweile auch mehr Zeit zuhause als in der Schule oder auf der Arbeit. Mein eigentliches Ziel einer guten Ausbildung, welches ich irgendwann mal gehabt hatte, verlor ich total aus den Augen. Mein Arzt war top, die psychische Probleme Schiene funktionierte immer. Ich wusste aber auch genau, wie ich mich verhalten musste und was ich zu sagen hatte. Zu Beginn der Pokerkarriere dachte ich mir das alles aus. Nun, nach den ganzen Erfahrungen erzählte ich ihm einfach wie ich mich fühlte, wenn ich viel Geld verlor. Aus Fiktion wurde immer mehr Realität, ich begriff das aber alles nur sehr schleppend.

Nun also wieder 3 Wochen Vollgas. Ich hatte 5 Tage Pause gemacht, es sollte die längste abstinente Phase meiner Laufbahn sein. In den 5 Tagen hing ich viel mit Phil rum, wir machten einfach irgendetwas. Alleine hätte ich das nicht durchgestanden. Wir gingen saufen, ins Kino, ins Freibad, einfach ganz normale Dinge, die ich leider schon viel zu lange nicht mehr erlebte. Es war irgendwie langweilig, mir fehlte der Kick. Trotzdem tat es sehr gut. Ich sehnte mich nach Normalität und jetzt bekam ich sie. Es war der Gewinn meiner Freiheit, es tat so unglaublich gut. Aber je mehr Normalität ich bekam, desto mehr vermisste ich die Tische. Der Teufelskreis begann. Für mich war das gerade ein Urlaub, knapp eine Woche abschalten vom Alltagsstress, mehr aber auch nicht. Zu tief saß der Stachel der Sucht, der meinem Kopf implizierte, ich müsse spielen.

Poker war Krieg für mich. Nur die Starken überleben, wie in der Natur. So ist es doch heute auch im Leben. Nur wer kämpft gewinnt und steigt ins nächste Level auf, die Anderen bleiben zurück. Generell wird mir in der heutigen Gesellschaft zu wenig Wert auf die sozialen Aspekte gelegt. Themen wie Neid, Geiz und Missgunst bestimmen den Alltag. Positive Gefühle wie Verantwortung und Nächstenliebe werden verdrängt. Deswegen arbeite ich im sozialen Bereich. Es tut gut zu wissen, dass ich jeden Tag Menschen mit den verschiedensten Problem helfen kann. Mein Arbeitsbereich umfasst viele Bereiche. Schuldnerberatung, Migrationsdienst, Alten- und Krankenpflege, Kinderbetreuung, Psychosoziale Dienste usw.. Damals war mir das egal, ich war im Krieg und kämpfte um´s Überleben. Jeder Spieler am Tisch war mein Feind, jeder wollte mein Geld haben, mich fertig machen. Me against the world...

Ich zeigte mich wieder von der ehrgeizigsten Seite. Es ging zurück an die Tische, nur auf die Karten fokussiert. Ich dunkelte mein Zimmer kompl. ab, startete meine chillige Lounge Musik, Kippe in den Mund und los ging´s. Ich spielte mein bestes A-Game seit langem. Ich verschwendete keine Sekunde an den Gedanken, auf NL200 abzusteigen. Zeitverschwendung. Ich zerstörte meine Feinde. Sie kämpften mit Messern, ich mit der AK47. 8 Stunden spielte ich nur mit kleinen Pausen durch. Am Ende stand ein Gewinn von ~ 12k auf der Habenseite, eine Menge Geld, 30 Stacks. Gefühlt entwickelte sich jedes Pocketpair zum Set, jeder Flush kam an, jedes OESD wurde erfolgreich zusammengefügt. Da war es wieder, dieses geile Gefühl. Ich verlor 22k in 3 Tagen, aber ich kam zurück und ich gewann wieder, mehr als je zuvor an einem Tag. Wenn ich mich recht erinnere betrug meine Bankroll nun um die 90k. Es war Zeit für die nächste Stufe. Geblendet von meinen mega Skillz nach dem erflgreichsten Tag (Wer hat hier Upswing gesagt?!) musste ich weitermachen. Höher, schneller, weiter. Ich schlief schlecht die Nacht. Zuviel Adrenalin floss durch meinen Körper. Mein Dopamin- und Serotoninhaushalt war wohl doch schon sehr gestört. Ich stand nach 4 Stunden auf, erstmal Rechner anmachen. Das übliche, Kaffee, Kippen, Sportseiten. Auch auf ps.com stoss ich zu der Zeit einmal, aber wozu brauchte ich denn ne Pokerschule? Da sollen sich die ganzen Idioten mal anmelden, damit sie vielleicht mal eine kleine Chance gegen mich haben.

Ich öffente Pokerstars. Es war Zeit für etwas ganz besonderes. Getrieben von der Gier wollte ich mehr Geld. Auf NL600 war damals um die Uhrzeit komischerweise nicht viel los, also ab auf NL1k. Mit 1000$ an den Tisch, easy Moneyz... 4 Tische, let´s roll. Nach 4 Stunden beendete ich die Session mit weiteren 10k Gewinn. Ich verhielt mich einfach total affig, wie ein Heroinjunkie der sich nach 2 Tagen endlich wieder einen Schuss setzen konnte. Für mich war das allerdings normal zu dem Zeitpunkt. Meine Freude musste raus. Die ganze Last der letzten Pokertage war von mir abgefallen, ich zerstörte NL1k, zumindest glaubte ich das. Ich schrieb Phil ne SMS alá: „22k up in 2 Tagen“, die er mit „omg get a life “ beantwortete. Wie recht er hatte. Wie egal es mir war!

Ich brauchte wieder Normalität. Mit einem fetten Lachen im Gesicht ging ich zum Supermarkt und erledigte Alltagssachen, die mir wieder Freude bereiteten. In der nächsten Zeit mixte ich immer mehr die Limits NL600/1000 und fuhr damit ganz gut. Der Upswing war wohl vorbei, trotzdem verdiente ich super gut. Ich reduzierte die Tischanzahl dauerhaft auf 4 und spielte nicht mehr soviele Stunden am Stück. Qualität vor Quantität. Die neu gewonnene Zeit verbrachte ich mit Sportwetten, mit Warten beim Pizzamann (ja mittlerweile ging ich dort sogar hin und ließ es mir nicht mehr bringen) mit Automatenspiele oder einfach gechillt zuhause mit ein paar Bierchen und anderen Leckereien

Phil baute sich zwischenzeitlich sein eigenes Autoimperium auf. Er absolvierte die Ausbildung zum Automobilkaufmann mit sehr guten Leistungen und arbeite nun schon 2 Jahre in diesem Bereich bis er es wieder eine Stufe höher schaffte und in die Geschäftsführung aufstieg. Mit 27! Mich beeindruckte das absolut nicht. Ich freute mich für ihn, keine Frage. Er tat mir aber auch leid, weil ich bemerkte, wie hart er für sein Geld arbeiten musste. Poker spielte er garnicht mehr. Auch seine Freizeit reduzierte sich auf ein Minnimum. Wir sahen uns immer seltener, Teilweise schaute ich bei ihm auf Arbeit vorbei. Dann schlenderte ich an den Audi Luxusklassen vorbei und sagte vor anderen Kunden zu Phil immer irgendeinen Quatsch mit breitem Ginsen z.B.: „Ich hätte gern den und den. Und für dich Phil, nehm ich den da .“ Heute zeigt mir das, zu was für einem Wichser ich damals geworden bin. Ich fand das einfach lustig, hab nicht weiter darüber nachgedacht. Generell hätte ich mehr nachdenken sollen zu der Zeit. Heute würde ich mich für so ein Prollverhalten in Grund und Boden schämen. Zeiten ändern dich.

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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:27 
 
8. Koks und Nutten


Ich lebte den Koks und Nutten Style. Allerdings ohne Nutten. Das fand ich ekelig. Zumindest einige Teile meines Gehirns funktionierten also noch. Ich verprasste nun mehrere tausend € im Monat. Was soll´s, vielleicht sterb ich morgen. Dazu machte ich wohl mehr Kohle als ich ausgegeben habe. Zumindest meistens. Ich war glücklich unglücklich. Einerseits war mein Leben geil, ich hatte Kohle ohne Ende, richtige Freunde allerdings nicht mehr. Denn auch Phil wurde immer mehr nur zu einem guten Bekannten, zwar mein einzig richtiger, aber nicht mehr DER Buddy den sich jeder wünscht. Er war beruflich so eingespannt, dass wir uns nur noch selten sahen. Einerseits war mir mein Leben viel zu trist geworfen, was ich mit Geld ausgeben beheben wollte, auf der anderen Seite war da dieser Druck spielen zu müssen. Ich wollte mehr. Mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Anerkennung. Einfach MEHR! Von allem. Ich bin der Geilste!!!

Nicht nur psychisch nahm mich das alles sehr mit. Auch körperlich ging es mir nicht wirklich gut. Ich ernährte mich viel von Fast Food, frische Luft gab´s fast nur durch das offene Fenster. Sport war total out, teilweise fuhr ich jetzt schon mit dem Taxi zum Einkaufen und zur Schule. Jetzt war es nicht nur die üblichen Downswings, die an meinen Nerven zerrten. Jetzt war es das große Geld und mein damit verbundener Lifestyle. Dies war der Zeitpunkt, an dem ich meine Seele verlor. Ich schaute in den Spiegel und ich erkannte mich nicht mehr. Und dies meine ich nicht aus nur der Redwendung heraus, ich empfand es wirklich so. Wenn ich ganz nah an den Spiegel ging und mir in die Augen schaute, bekam ich Panik. Keine Ahnung warum. Ich hatte Angst vor mir selber. Meine Psychose begann. (Wikipedia: „Als Psychose bezeichnet man eine schwere psychische Störung, die mit einem zeitweiligen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs einhergeht.“ Mehr dazu von mir später, wenn die Psychose sich weiter bemerkbar machte.) Alles, was mir vorher wichtig war, mein ganzes Leben, war mir nun scheissegal. Lieber mit 30 sterben und viel erlebt haben als ein langweiliges Leben bis 60. Kurzfristiges Denken, was interessiert mich die Zukunft.

Mein Urlaub war vorbei, ich verpennte gleich am ersten morgen und ging dann einfach garnicht mehr arbeiten. Lieber widmete ich mich dem Poker, verdiente das x-fache meiner Ausbildungsvergütung und war mein eigener Herr. Ich schaltete mein Handy aus, niemand sollte mich stören. Es folgte die totale Isolation. Ich ging nur zum einkaufen vor die Tür. Abends feierte ich dann oft alleine meine persönliche 1-Mann-Party. Schöne elektronische Musik, dazu ein paar Bier und ein bisschen dies und jendes aus meiner Minibar. Es wurde zum Ritual und ich trank täglich abends `nen Cocktail, hin und wieder dann auch mal andere Entspannungsmittel. Dazu spielte ich gegen die Langeweile ein paar SNG + MTT. Per Post bekam ich die 1. Abmahnung wegen Unerlaubtem Fernbleiben vom Arbeitsplatz mit der einer gesetzten Meldefrist. Ich lies auch die verstreichen, es war mir total egal. Ich lebe hier und jetzt, da will ich nicht meine wertvolle Zeit mit Arbeit verbringen, die mir eh keinen Spaß macht.

Ich brauchte mal wieder etwas Ablenkung. Auf NL600/1000 runnte ich immer noch solide, mein Geld musste unter´s Volk gebracht werden. Ich mietete mir bei meinem Stammservice einen M3 für eine Woche und fuhr mal wieder zum Fussball nach München. Ohne Phil. Bayern gewann 3:1, geiles Leben. Als ich wieder zuhause ankam, stand jemand vor meiner Haustür. Es war mein Arbeitskollege, derjenige, mit dem ich mich einigermaßen gut verstand. Er staunte nicht schlecht wegen dem Wagen, blabla Mietwagen blabla, er kam mit rein, wollte wissen, was los ist. Meine Wohnung war sehr wüst. Zwar überall ne Menge teurer Schnick Schnack wie TV, Sofaecke usw., aber absolut nicht aufgeräumt. Irgendwann hole ich mir eine Puzfrau, so viel war klar. Auf meinem Schreibtisch lag ein Bündel Geld. Doofe Angewohnheit von mir. Ich hatte immer ca. 10.000 € zuhause in bar. Keine Ahnung warum, dadurch fühlte ich mich sicherer. Ich konnte also vor ihm nicht verbergen, dass ich nicht gerade Geldprobleme hatte. Er mutmaßte schon in Richtung Drogenhandel, also klärte ich ihn auf. Vorher war es immer mein gut gehütetes Geheimnis, mittlerweile war es mir egal. Er war erstaunt, ein wenig geschockt, aber er verstand mich auch, ohne die ganzen Hintergründe zu kennen. Also lies er mich auch nach einem Cocktail schnell wieder in Ruhe.

Am nächsten Tag fuhr ich zur Arbeit. Aber nicht um meinen Dienst anzutreten, sondern um mir meine Kündigung abzuholen. Der Gang über den Flur des Büros war irgendwie cool. Natürlich tuschelten alle. Aber anstatt das mir das unangenehm war, genoss ich es. Kurzer Smalltalk im Personalbüro, keinen Grund gesagt, einfach schnell die Kündigung bitte, danke, tschüss. Ich verabschiedete mich noch von einer Mitarbeiterin mit der ich auch immer gut klar gekommen bin und fuhr mit meinem schicken M3 davon. Hallo Freiheit, ich komme.

Ohne jegliche feste Struktur, ohne soziales Umfeld und einer stark ansteigenden, schleichenden Depression + Psychose war mein Verderben vorprogrammiert. Jetzt beginnt der Teil, der für mich persönlich am schwierigsten war. Völlig durchgedreht ging ich durch´s Leben. Ein paar Stunden Poker pro Tag, online Shopping über mehrere Tausend Euro für Klamotten und lauter sinnloses Zeug. Generell habe ich mir nie wirklich sinnvole Dinge gekauft, z. B. Ein Auto. Das bereue ich natürlich, aber damals war Weitsicht ein Fremdwort. Dazu dann immer mehr Party und Alkohol, ganz selten noch ein Treffen mit Phil. Diesen Lifestyle lebte ich intensiv, es dauerte auch nur noch 3 Monate, bis ich auf der Straße landete und zum ersten mal Gast der Psychiatrie wurde. Mehr dazu im nächsten Teil.

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Straight Ace-High

Registriert: Fr 7. Jan 2011, 13:25
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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 07:28 
 
9. Road Trip


Eigentlich müsste ich glücklich sein. Ich hatte fast alles erreicht, was ich mir bei dem Start meiner Pokerkarriere erhofft hatte. Geld, mehr Geld, noch mehr Geld, Erfolg, Unabhängigkeit, Freiheit... Ich hatte dabei allerdings einige Dinge deutlich unterschätzt. Der psychische Druck, die notwendige Disziplin, die Ausdauer, die Konzentration usw.. Ich brachte vieles mit, um ein erfolgreicher Spieler zu werden. Das Geld gab mir Recht. Nur die wichtigste Komponente erfüllte ich nicht, die psychische Lässigkeit. Generell machte mir meine Psyche ab der Zeit die größten Probleme. Auch nicht nur wegen dem Poker, sondern eher wegen der Gesamtsituation. Ich wurde mental krank und konnte nichts dagegen tun.

Mein Tag hatte keinen festen Ablauf mehr. Ich stand irgendwann mittags auf, gammelte erstmal und verbrachte ein paar Stunden an den Tischen bis tief in die Nacht hinein. Ich trank immer mehr Cocktails, aß immer weniger. Auch körperlich konnte ich bald einfach nicht mehr mithalten. Ich schlief immer länger, obwohl ich nichts besonders anstrengendes tat außer vor dem PC zu hocken. Ich war einsam, das Geld half mir darüber hinweg. Im Poker lief es soweit auch ganz solide. Klar gab es loosing-Days, den großen Verlust konnte ich aber immer vermeiden.

Ich musste mal wieder raus. Der letzte große Trip mit Phil stand an. Das es der letzte sein würde, wussten wir natürlich vorher nicht. (Dies lag zum einen an meiner Situation, zum anderen wurde Phil krank und verbrachte erst mal mehr Zeit im Krankenhaus als zuhause. Mehr dazu später im Blog.) Schnell ein Auto gemietet und los gings. Quer durch Europa, ohne festes Ziel. Wir landeten in Berlin, London, Madrid und Rom. 3 Wochen fuhren wir einfach nur rum, blieben ein paar Tage, schauten uns die Stadt an und gingen feiern. Wir lebten in teuren Hotels, gingen in exklusive Restaurants, kauften in den geilsten Klamottenläden der Welt ein und verprassten in den 3 Wochen ca. 30.000€. Der Großteil davon war mein Geld. Ich lud Phil auf diesen Trip ein. Zu groß war meine Sehnsucht nach Normalität. Endlich wieder unter Leuten feiern und nicht alleine. Ich war fast jeden Abend besoffen. Das Leben hatte mich zurück, wenn auch mit total verzehrter Wahrnehmung. Der Koks und Nutten Style war inzwischen für mich normal, für Phil ein großes Abenteuer.

Ich mochte Road-Trips, auch heute noch. Was wir allein während der Fahrten für lustige Dinge erlebt hatten, es war einmalig und genial zugleich. Wir bauten einfach jede Menge scheisse. Phil erschreckte vom Beifahrersitz die Kinder der anderen Autos mit der Scream Maske, wir verarschten Trucker-Fahrer mit obszönen Masturbationgestiken oder machten auch einfach mal auf schwules Pärchen und küssten uns direkt vor dem Seniorenbus der Kaffeefahrt. Es war die totale Freiheit. Wir hatten ausreichend Geld, jede Menge Zeit und einfach Lust auf das Leben. Bis heute sind diese 3 Wochen wohl die geilste Zeit meines Lebens. Diese Wochen verbinden uns bis heute.

Die Tische vermisste ich eigentlich garnicht. Es tat gut etwas Abstand zu gewinnen. Den Kick holte ich mir seinerzeit durch die vielen verschiedenen Eindrücke und durch das exzessive feiern, das machte 3 Wochen ohne Poker erträglich. Hin und wieder gambelte aber ich ein wenig bei Sportwetten. Ganz ohne ging natürlich nicht. Trotzdem wollte ich wieder etwas mehr Struktur in mein Leben bekommen. Nicht mehr mittags aufstehen, gesünder Essen, ein wenig Sport und soziale Kontakte pflegen. Viele gute Vorsätze für die Zeit danach. Das Ding Pokerpro jetzt mal ernsthaft angehen, feste Strukturen bilden, meine Seele entlasten. Während des Trips wurde mir desöfteren klar, dass ich so nicht weiterleben kann. Ich musste etwas ändern um wieder auf die Spur zu kommen. Es sollte jedoch ein Wunschdenken bleiben.

Denn meine Lebenssituation hatte sich geändert. Ich spielte nun 4 a living und nicht nur weil ich süchtig war, das Geld genoss und den Kick brauchte. Jetzt spielte ich, weil ich sonst auf der Straße landete. Mein teurer Lifestyle erschwerte dies zusätzlich. Der Mensch gewöhnt sich an alles, an die schönen Dinge leider sehr schnell. Der Trip mit Phil kostete mich gut ¼ meiner Bankroll, aber das war es mir wert. Wieder zurück in der Heimat, ging es schnell wieder an die Tische. Ab sofort dunkelte ich meine Wohnung ab. Die Einsamkeit belastete mich und Dunkelheit konnte mich darüber hinwegtrösten. Nur mein TFT erhellte den Raum. Ich fühlte mich wohl so. Mein Schlafzimmer verlagerte ich ins Wohnzimmer, mein Bett stand nun direkt neben meinem PC in der Ecke. Es gab Tage, da sah ich nicht einmal das Tageslicht. Alle guten Vorsätze, die ich mir während des Trips machte, waren aus meinem Gedächnis verbannt. Zu gefangen war ich wieder in meiner alten Welt. Ich wollte das nicht, konnte aber nichts dagegen tun. Zu labil und schwach war ich bereits um gegen die Gewohnheiten anzukämpfen, die Situation verschlimmerte sich weiter.

Die gesamte Situation zerrte immer mehr an meiner Gesundheit. Depressionen kamen wieder auf. Ich war traurig, gefühls- und antriebslos. Dieses mal nicht wegen einem Downswing, diesmal wegen meinem einseitigem Leben. Dies wurde mir während des Trips bewusst. Es war eine harte Niederlage, zu akzeptieren, dass ich es zwar ändern wollte, aber nicht konnte. Ich sah mich selbst zum ersten mal als süchtig an, zumindest teilweise. Ich hatte ja immer noch die Ausrede, dass ich spielen musste, um zu überleben. Ich bereute die Entscheidung, die Ausbildung zu schmeissen. Die Gewissensbisse machten die Situation noch unerträglicher. Was sollte ich tun?

Das Beste was mir passiert war in meinem Leben war Poker. Es war leider auch das Schlimmste. Es ermöglichte mir Dinge, von denen ich vorher nur geträumt hatte. Gleichzeitig zog es mich in Situationen hinein, die ich mir vorher kaum vorstellen konnte. Mein Traum platzte langsam, ich kämpfte weiterhin gegen die drohende Niederlage an, obwohl ich schon längst verloren hatte.

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Beitrag Verfasst: Di 5. Jul 2011, 08:28 
 
naja...

   
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