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Zocken in Las Vegas
20.12.2006

Zocken in Las Vegas

Zocken in Las Vegas

Las Vegas ist die Welthauptstadt des Pokerns. Hier spielen die Stars der inzwischen milliardenschweren Industrie genauso wie Abenteurer und Verlierer, die ihren Traum vom schnellen Reichtum ohne Arbeit wahr machen wollen. Manchmal funktioniert es sogar.

Erick Lindgren sitzt da vorn auf dem Barhocker wie auf einem Thron. Es ist Montag, elf Uhr vormittags, in der “Fontana Bar” des Bellagio in Las Vegas. Lindgren hat noch nicht gefrühstückt und bestellt einen 60 Jahre alten Cognac, einen Hardy Diamond Noces de Diamant, das Glas kostet 150 Dollar, und eine Cola light, 4 Dollar. Er kramt ein Bündel Scheine aus der Hose und drückt es dem Barkeeper in die Hand. Dann kippt er die Getränke zusammen und spült den Cocktail in zwei Zügen runter - seine Art, den Puls zu beruhigen.

“Schmeckt nicht, das Zeug”, sagt er, “funktioniert aber.”

Lindgren, 30 Jahre alt, groß und kräftig, aus Burney in Kalifornien, trägt speckige Jeans, die auf den Hüften hängen, Turnschuhe, Baseballkappe und ein rotes T-Shirt. “Full Tilt Poker” steht darauf.

Lindgren rülpst.

Neben ihm nippt Daniel Negreanu an einem Selters. In einer Plastiktüte transportiert er eine Thermoskanne mit Gemüsesuppe, eine Banane, eine Packung Nüsse und eine Tupperdose mit Paprikastreifen. Und eine Schachtel Clear Edge, einen Adrenalin-Blocker. Seine Nervennahrung.

Negreanu ist klein, schmal, 32 Jahre alt, hohe Stirn, blonde Strähnen, frischgestutzter Kinnbart. Er schaut aus dem Fenster. Er trägt einen schwarzen Pullover mit der Aufschrift “Full Contact Poker”. Dicke weiße Wolken ziehen über die Stadt.

Nebenan in der Fontana Lounge, einem runden Saal mit hoher Decke, stehen 30 Pokertische auf tiefem Teppich. Die Croupiers sortieren bunte Chips, sie sind 25 bis 5000 Dollar wert. Vor den Fenstern hängen schwere Gardinen. Ein Kronleuchter spendet fahles Licht, an den Wänden stehen rosafarbene Satinsofas.

Hier beginnt heute das Festa al Lago, ein fünftägiges Turnier der World Poker Tour, der Sieger kassiert 1.090.025 Dollar.

Negreanu und Lindgren zählen zu den Favoriten. Kein Pokerprofi hat mehr Turniere gewonnen als Negreanu, geboren in Toronto, Sohn rumänischer Auswanderer. Rund 8,4 Millionen Dollar Preisgeld hat er am Pokertisch verdient. Vier Agenten arbeiten für ihn, jeweils einer für Werbung, fürs Fernsehen, für die Presse, fürs Internet. Eine Privatsekretärin koordiniert die Termine. Er hat eine Poker-DVD rausgebracht und schreibt an einem Pokerbuch. Man kann auch eine Daniel-Negreanu-Wackelpuppe kaufen, für 39,99 Dollar.

Erick Lindgren hat die meisten seiner Millionen mit Online-Poker gemacht. Wie viele, will er nicht verraten, aber mehr als vier sind es auf jeden Fall. Er ist ein Internet-Junkie, ein Computer-Freak. In der Regel spielt er zu Hause an zwei Rechnern parallel, oft acht Partien gleichzeitig.

Negreanu vertraut beim Pokern seinem Instinkt, seiner Menschenkenntnis. Lindgren baut auf die Rationalität der Mathematik. So gesehen ist Negreanu alte Schule und Lindgren neue Welt.

Negreanu sagt: “Erick ist ein Roboter.” Lindgren nennt Daniel “hot shit”.

Beim Festa al Lago wird No Limit Texas Hold’em gespielt, die Königsdisziplin. Jeder Spieler erhält zwei verdeckte Karten, anschließend legt der Croupier, der Dealer, nach und nach fünf Karten offen auf den Tisch. Vor der ersten Karte, nach der dritten, vierten und fünften wird gesetzt. Jeder so viel, wie er will. Die Spieler kombinieren ihre Karten mit den offenen, wer das beste Blatt besitzt, gewinnt. Eine Minute vielleicht, länger dauert keine Partie. Klingt leicht, ist aber kompliziert: 134 Millionen Kombinationen sind möglich.

Negreanu nimmt an Tisch 52 Platz, Lindgren an Tisch 20. Vor ihnen stapeln sich 20.000 Dollar in Jetons.

An Tisch 51 kaut Brandi Hawbaker an den Fingernägeln. Brandi ist ein Gelegenheitsmodel aus Nashville und hat vor kurzem noch Muffins verkauft bei Starbucks. Sie startet zum ersten Mal bei einem großen Turnier. Sie wittert die Chance, auf einen Schlag genug Geld zu scheffeln für den Rest ihres Lebens. “Wenn ich den ersten Tag überstehe, kann ich gewinnen”, sagt sie.

Das Gute am Poker ist, dass es jeder schnell lernen kann. Das Gefährliche ist, dass jeder genauso schnell denkt, er beherrsche das Spiel.

433 Spieler beginnen das Turnier, die meisten tragen dunkle Sonnenbrillen. Es sind Abenteurer und Enttäuschte, Immigranten und Egomanen, Menschen, die nach oben wollen, aber ohne dafür malochen zu müssen. Jeder musste 10 000 Dollar Startgeld zahlen, drei Prozent kriegt der Veranstalter, der Rest wird ausgeschüttet.

Nach drei Stunden sind noch 401 Spieler dabei, nach fünf Stunden 340. Poker ist kein Sprint, Poker ist Langstrecke.

Ob man gewinnt oder verliert, hat nicht nur mit Glück zu tun. Auf Dauer bekommt jeder gleich gute wie schlechte Karten.

Beim Pokern geht es um Wetten mit unvollständigen Informationen. Permanent muss man den Wert seines Blattes kalkulieren: Wie oft kann aus zwei Paaren ein Full House werden, also ein Drilling und ein Paar? Lohnt es sich, mit einer Pik Acht und einer Kreuz Zehn weiterzuspielen? Und das immer in Relation zum Pott, zur Summe der gesetzten Chips.

Neben Negreanu hängt ein junger Freak mit Locken und Flip-Flops im Stuhl. Den Mund halb offen, malmt er auf einem Kaugummi. Tellergroße Kopfhörer verdecken seine Ohren. Er schiebt 2925 Dollar in den Pott, das ist alles, was er hat. Ein Indiz für ein gutes Blatt. Oder für pure Verzweiflung.

Negreanu schaut dem Jungen in die Augen. Zieht sich da nicht die Iris zusammen? Und hat er nicht einen Wimpernschlag gezögert, als er seinen Einsatz gemacht hat? Negreanu beugt sich leicht zur Seite, lauscht. Was hört er für Musik? HipHop. Negreanu kratzt sich die Wange. Blufft er?

Der Typ mit den Flip-Flops guckt auf die Chips, auf die Karten, wieder auf die Chips. Negreanu sagt: “Hey, du bist ja richtig gierig.”

Der Freak antwortet: “Yeah, Mann. Gib auf, Mann. Ich bin besser als du.” Er ist ein schlechter Schauspieler. Daniel geht mit, er setzt dieselbe Summe. Dann zeigen sie ihre Karten.

Der Kerl hat ein As und einen König auf der Hand. “Anna Kurnikowa” nennen Pokerspieler diese Kombination, sie sieht gut aus, verliert aber oft. Negreanu hat eine Herz Neun und eine Karo Neun. In der Mitte liegt offen eine Kreuz Neun Der Freak ist raus.

Negreanu vertilgt eine Handvoll Nüsse. Er schaut in den Saal wie ein Feldherr.

Ein guter Zocker spielt nicht mit seinen Karten, sondern mit seinem Gegner.

Im Fernsehen kann man solche Manöver nachvollziehen, deshalb sind Pokersendungen ziemlich erfolgreich. Der Zuschauer sieht die verdeckten Karten, er weiß mehr als jeder Spieler am Tisch. Er kann Feiglinge beobachten, abgekochte Zyniker und Draufgänger, die in die Falle tappen. Drei Sender zeigen in Amerika Poker, bis zu fünf Millionen Menschen gucken zu. In Deutschland hat Poker oft höhere Einschaltquoten als Handball und Basketball.

Brandi, das Model aus dem Starbucks-Café, geht in einer Pause auf die Terrasse. Sie muss jetzt unbedingt rauchen. Mit der letzten Glut einer Zigarette zündet sie sich die nächste an. Sie hat schon 130.000 Dollar zusammen, noch 202 Spieler sind dabei. “Ein verrückter Traum”, sagt sie.

Negreanus Handy klingelt. Seine Mutter ist dran. Sie will wissen, was ihr Junge am Abend essen will.

Mit 16 organisierte er in seiner Schule in Toronto Pokerspiele, irgendwann knöpfte er einem Mitschüler 300 Dollar ab, und damit der Bursche seine Schulden bezahlen konnte, musste er Geld stehlen. Daniel flog von der Highschool. Er heuerte in einem Callcenter an und belegte Sandwiches bei Subway. Mit seinem Gehalt pokerte er.

Mit 21 verabschiedete Daniel sich nach Las Vegas. Er hielt sich für den Pokergott persönlich und spielte wie ein selbstgefälliger Idiot. Er war eine leichte Beute. Er verlor fast alles, was er besaß.

Er lernte, dass man beim Pokern nicht mit dem Kopf durch die Wand brechen darf, sondern nach einer offenen Tür suchen muss. Er lernte, seine Gegner zu lesen. Nun war er es, der in den Hinterzimmern der Casinos die “sucker” schröpfte, die Trottel, die in privaten Spielen frisches Geld in den Kreislauf bringen.

Mit 23 gewann er sein erstes Turnier. Er genoss das Leben, Sushi, Champagner, alles vom Feinsten, alles im Überfluss. Seinen 26. Geburtstag feierte er im Bellagio. Er pokerte mit ein paar Kollegen, nur so zum Spaß, trank Lemon Drop Shots und Curaçao Triple Sec mit Wodka. Am nächsten Morgen war er 70.000 Dollar ärmer. Seitdem rührt er keinen Alkohol mehr an.

2004 gewann Negreanu vier Turniere und räumte dabei 3,4 Millionen Dollar ab.

Mittlerweile wird er von Autogrammjägern belagert, zu seinen Freunden gehört der Schauspieler Tobey Maguire, Groupies pirschen sich an ihn ran. “Ich war nie ein Frauentyp. Es ist absurd, dass die Mädchen mich plötzlich anhimmeln”, sagt er.

Am zweiten Tag des Festa al Lago gibt Brandi Hawbaker ein Fernsehinterview. Es ist ihr erstes Interview überhaupt. Sie trägt ein Bustier mit Tigerfellstreifen, eine beige Caprihose und Stöckelschuhe. Sie sagt: “Wenn ich mich sexy anziehe, setzen die Männer mehr.” Sie hat vor einem Jahr ein Pokerturnier im Fernsehen gesehen und fing danach an, im Internet zu spielen. Seit drei Monaten lebt sie vom Pokern.

Und sie hat einen Lauf, 260.000 Dollar in Chips stapeln sich vor ihr. “Ich zittere am ganzen Körper”, sagt sie. Es ist ihr naiver Enthusiasmus, der sie durchs Turnier trägt. Nur noch 84 Spieler sind dabei.

Das Feld schrumpft wie ein Schneehaufen in der Sonne. Auch bei Erick Lindgren sieht es nicht gut aus. Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hin und her.

In der Regel setzen die Topleute in den ersten Runden eines Turniers nur, wenn sie ein solides Blatt haben. Lindgren wählt lieber die andere Variante. “Beim Poker kann nur der viel gewinnen, der auch viel einsetzt”, sagt er, “darin besteht der Reiz und das Risiko.” Für ihn ist Poker ein Spiel um den eigenen Triumph oder Untergang.

Dieses Mal geht er unter. Lindgren legt sein Blatt weg, er ist pleite, steht auf und geht. “Ich war unkonzentriert, und einige Bluffs sind schiefgelaufen. Shit happens.”

Lindgren wohnt in der Dream Catcher Avenue, in Summerlin, nordwestlich von Las Vegas. Weiße Villen, Palmen, polierte Limousinen. Er sperrt nie die Haustür zu, damit seine Kumpel jederzeit vorbeikommen können: zum Basketballspielen auf dem Platz im Garten, zum Schwimmen, zum Snookerspielen, zum DVD-Gucken auf einem der sechs Plasmafernseher. Er hat kein Wasser im Haus, nur Bier und Whiskey. Überall liegt Bargeld rum, 500 Dollar in der Küche, 300 Dollar auf dem Ledersofa. Seine Putzfrau muss den Charakter einer Heiligen haben.

Auf dem College träumte Lindgren noch von einer Karriere als Basketballprofi. Mit 19 jobbte er im Casino als Croupier beim Black Jack. Er lernte nebenher Poker, arbeitete später als “Proposition Player”, als einer, der vom Casino bezahlt wird, um andere ins Spiel zu locken.

Mit 21 kaufte Lindgren sich für 200 Dollar einen Computer, um im Internet zu zocken. Er hauste in einem muffigen Apartment, auf dem Boden lag eine Matratze, mehr Möbel besaß er nicht. Er spielte rund um die Uhr. Als er 2000 Dollar gewonnen hatte, leistete er sich drei neue Rechner. Er spielte weiter, immer weiter, wie ein Süchtiger, fiebernd nach dem nächsten Einsatz und blind für den Rest der Welt. Manchmal ging er tagelang nicht vor die Tür.

Sein erstes richtiges Turnier gewann er Ende 2002. Er zog nach Las Vegas. Inzwischen startet er bei 50 Turnieren im Jahr, zockt aber immer noch 20 Stunden pro Woche online. Mindestens.

Der weltweite Einsatz an den virtuellen Pokertischen betrug 2003 rund 13,5 Milliarden Dollar, vergangenes Jahr waren es 60 Milliarden, die Prognose für 2008 lautet 215 Milliarden.

“Poker ist heute ein anderes Spiel als noch vor zehn Jahren”, sagt Lindgren. “Die Konkurrenz ist härter geworden. Akademiker spielen jetzt Poker, ehemalige Schachprofis. Sie alle üben im Internet. Da lernst du in einem Jahr, wozu du sonst sieben Jahre brauchst. Wenn man diese Jungs unterschätzt, machen sie dich kalt.”

Online-Spieler gehen analytisch vor, effizient wie Maschinen. Lindgren sagt: “Im Internet siehst du keinen Gegner, Mimik und Gestik verraten dir nichts. Deshalb ist Spieltheorie extrem wichtig.”

Es reicht nicht aus zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Vierling bei 0,17 Prozent liegt. Und für einen Drilling bei 4,83 Prozent. Das ist das kleine Einmaleins.

Ein Online-Spieler muss das Unwägbare einkalkulieren, er muss ausrechnen, wann sich ein Bluff rentiert. Er muss jeden Einsatz seiner Mitspieler ständig in Relation setzen zu den offenen Karten, und er muss daraus schließen, was die Konkurrenz auf der Hand hat.

Lindgrens Blackberry piepst, eine SMS aus dem Bellagio. Erick liest, schmunzelt, sagt: “Brandi präsentiert heute ihre Brüste, die Maus will die Männer in den Wahnsinn treiben.” Sie habe ganz ordentlich gespielt bisher, sagt er, sei aber zu unerfahren, um das Turnier zu gewinnen. “Sie ist zu gierig, der Druck wird sie auffressen.”

Später in der Fontana Lounge drängeln sich die Zuschauer um ihren Tisch. Brandi führt, 540.000 Dollar, sie trägt an diesem Abend ein lilafarbenes Seidenkleid mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel, keinen BH.

Sie hat 150.000 Dollar in den Pott geschoben. Auf dem Tisch liegen ein König, eine Dame, eine Zehn und eine Drei. Brandi dreht ihre Karten um, sie hat ein As und einen König. Zwei Könige also, sie lächelt etwas gequält. Ihr Gegner schiebt seine Karten in die Mitte: ein As und ein Bube. Er hat eine Straße. Am Nebentisch johlt jemand: “Schönes Kleid, Brandi. Noch schöner wäre es, wenn es vor dir auf dem Boden läge.”

Brandi verkrampft, aber wer nicht an sich glaubt, ist schon so gut wie erledigt. Eine Stunde später besitzt sie nur noch 98.000 Dollar und spielt Harakiri. Noch bevor der Dealer eine Karte offen hinlegt, setzt sie ihre gesamten Chips. Ein Spieler geht sofort mit. Er hat ein As und einen König, Brandi nur ein As und einen Buben. Zu wenig. Um 16.14 Uhr ist ihr Traum geplatzt.

“Ich wollte bluffen und habe vergessen, dass ich eine Frau bin”, sagt sie. “Bei Frauen kann man immer erkennen, was sie gerade denken.” 20.875 Dollar Preisgeld sackt sie ein, immerhin.

Auch Daniel Negreanu scheidet aus. Er fährt nach Hause, legt sich aufs Sofa. Morgen will er eine Runde Golf spielen. “Ich muss meinen Abschlag trainieren”, sagt er.

Es interessiert ihn nicht, dass der Norweger Andreas Walnum das Festa al Lago gewinnt. Für ihn ist es wichtig, regelmäßig einen Platz am Finaltisch zu ergattern. Ein paarmal hat er es ja schon geschafft in diesem Jahr. Wenn es ihm nicht gelingt, stellt er sich trotzdem nicht die Sinnfrage.

“Das Schönste am Pokern ist Spielen und Gewinnen”, sagt er, “das Zweitschönste Spielen und Verlieren.”

Quelle: www.spiegel.deAutor: Maik Großekathöfer

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